Erneuerung der Welt
Text zu Auferstehung und
neuem Leben
Das Wunder der Auferstehung Christi hebt die Vergötzung des Todes, wie
sie unter uns herrscht, aus den Angeln. Wo der Tod das Letzte ist, dort ist
das irdische Leben alles oder nichts. Das Trotzen auf irdische Ewigkeiten gehört
zusammen mit einem leichtfertigen Spiel mit dem Leben, krampfhafte Lebensbejahung
mit gleichgültiger Lebensverachtung. Nichts verrät die Vergötzung
des Todes deutlicher, als wenn eine Zeit für die Ewigkeit zu bauen beansprucht
und doch in ihr das Leben nichts gilt; wenn man grosse Worte spricht über
einen neuen Menschen, eine neue Welt, eine neue Gesellschaft, die heraufgeführt
werden soll, und wenn dieses Neue nur in einer Vernichtung dieses vorhandenen
Lebens besteht.
Wo aber erkannt wird, dass die Macht des Todes gebrochen ist, wo das Wunder
der Auferstehung und des neuen Lebens mitten in die Todeswelt hineinleuchtet,
dort verlangt man vom Leben keine Ewigkeiten, dort nimmt man vom Leben, was
es gibt, nicht Alles oder Nichts, sondern Gutes und Böses, Wichtiges und
Unwichtiges, Freude und Schmerz, dort hält man das Leben nicht krampfhaft
fest, aber man wirft es auch nicht leichtsinnig fort, dort begnügt man
sich mit der bemessenen Zeit und spricht nicht irdischen Dingen Ewigkeitswert
zu. Den neuen Menschen und die neue Welt erwartet man allein von jenseits des
Todes her, von der Macht, die den Tod überwunden hat.
Der auferstandene Christus trägt die neue Menschheit in sich, das letzte
herrliche Ja Gottes zum neuen Menschen. Zwar lebt die Menschheit noch im Alten,
aber sie ist schon über den Tod hinaus, zwar lebt sie noch in einer Welt
der Sünde, aber sie ist schon über die Sünde hinaus. Die Nacht
ist noch nicht vorüber, aber es tagt schon.
Aus Kaiser Traktate 1
Meditationen
Von Dietrich Bonhoeffer